Peter Schraml

Dipl.-Ing. (FH) Architektur
Master of Public Administration

Unser Wissen - für Ihre Sicherheit
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Momentane Umsetzung von Spielplätzen an ausgewählten Schulen:
Bayerische Landesschule für Körperbehinderte

Impulsvortrag von Johannes Nauerz | 19.10.2019

Direktor der Bayerischen Landesschule für Körperbehinderte in München

Sehr geehrte Teilnehmerinnen und Teilnehmer dieser Fachtagung,

es freut mich sehr, heute als Vertreter einer „ausgewählten Schule“ Gedanken zum Thema Ihrer Tagung vortragen zu dürfen.

Die „ausgewählte Schule“ ist die Bayerische Landesschule für Körperbehinderte.

Sie wurde im Jahr 1832 gegründet von Johann Nepomuk von Kurz mit der persönlichen Motivation, „arme und krüppelhafte“ (so der damalige Sprachgebrauch) Jugendliche vor dem Betteln auf der Straße zu bewahren.

Seine Idee und die damit geschaffene Einrichtung erwiesen sich als „Erfolgsmodell“.

1844 wurde daraus eine staatliche Einrichtung, die ihren Sitz seit 1913 an der nach ihrem Gründer benannten Kurzstraße in München-Harlaching hat.

Dort werden in diesem Schuljahr ca. 340 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene umfassend schulisch, therapeutisch und pädagogisch gefördert und auf ihrem Weg zur größtmöglichen Selbstständigkeit nach dem Ende ihrer Schul- und Ausbildungszeit begleitet.

Für diese Menschen bedeuteten vielfältige körperlich-motorische Beeinträchtigungen, unterschiedliche Formen der Beeinträchtigung in ihren Lernmöglichkeiten sowie weitere Beeinträchtigungen in den Bereichen Sprache, Wahrnehmung und sozialer Interaktionsfähigkeit ein grundlegendes Handicap auf ihrem Weg in ein selbstbestimmtes Leben.
Besonders bemerkenswert ist die große Zahl von Kindern und Jugendlichen mit der Diagnose Autismus-Spektrum-Störung – es sind derzeit ca. 65.

Ich darf diese traditionsreiche Einrichtung seit 2013 als Direktor leiten und werde dabei unterstützt von ca. 250 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die mit größter Fachkompetenz unsere gemeinsame Aufgabe erfüllen.

„Inklusiver Spielraum – wie geht das?“ (Tagungs-Flyer)

„Der Kinderspielplatz zwischen Risiko und Sicherheit“ (Tagungs-Plakat)

„Inklusion bezieht sich auf das Menschenbild der Gleichheit bzw. Gleichwertigkeit und geht damit weit über den Bereich der Integration hinaus, der den Aspekt der Eingliederung betont.

Dazu ist zu sagen, dass Gleichheit ein Idealbild ist, aber in der Realität nie ganz erreicht werden kann.“ (Zitat Prof. Manfred Grohnfeldt – LMU München)

Der Schweizer Theologe Kurt Marti schreibt:

„Wo kämen wir hin,
wenn alle sagten,
wo kämen wir hin,
und niemand ginge,
um einmal zu schauen, wohin man käme,
wenn man ginge.“

Dieses Zitat passt – wie ich meine – in besonderer Weise zum Thema dieser Fachtagung:

Sich auf den Weg zu machen, ohne zu wissen, wohin der Weg führt – für Sie als verantwortliche Planerinnen und Planer und für die von Ihren Plänen profitierenden Kinder – ist allemal sinnvoller, als in Grundsatzfragen nach Risiko und Sicherheit sich festzufahren.

Die Motivation und das professionelle Interesse der heute Anwesenden sind Themen wie „inklusive Spielräume schaffen“, „Sicherheit“ und notwendige Änderungen im „DIN-Regelwerk“.

Zu all den mit diesen Themen verbundenen Fragen dürfen Sie von mir keine Antworten erwarten.

Sie sind die Fachleute – ich bin Lehrer und Pädagoge und deshalb gerne bereit, Impulse für Ihre fachliche Diskussion anzubieten.

Dem Buch „Ein Spielplatz für alle“ (erschienen 1992 mit der Beteiligung von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Landesschule und maßgeblich von Lothar Köppel, der als Landschaftsarchitekt den ersten barrierefreien Spielplatz in der Kurzstraße plante und dann auch realisierte) entnehme ich einige grundlegende Gedanken, die auch 2019 – 27 Jahre – später noch unverändert Gültigkeit haben:

„In seinem Handeln und Spielen erfährt das Kind sich selbst, probiert und übt seine Fähigkeiten, erlebt und gestaltet seine Welt …

Es experimentiert, baut Zusammenhänge auf, löst Probleme, tauscht sich mit anderen aus, lernt Regeln kennen und einhalten …

Kurz: Spielerisches Handeln ist das große Medium kindlichen Lernens …

Spielend entfaltet das Kind seine Intelligenz, seine schöpferischen Energien. Im Spiel liegt die Aktivität, der Entwurf seines Menschseins, ganz auf der Seite des Kindes …

Gefühle der Selbstüberwindung, der Selbstbeherrschung, der Erprobung des Selbst, der Selbstüberschreitung und Freiheit, mithin Erfahrungen, die das „Menschsein“ auszeichnen („homo ludens“ – also der spielende Mensch), werden im Spiel erlebt …

Die Spiele von beeinträchtigten Kindern enthalten grundsätzlich all diese Elemente.

Wo anders als auf einem Spielplatz kann geschehen, dass Kinder mit ihren unterschiedlichsten Fähigkeiten vollkommen zweck-frei miteinander agieren?

Es geht nicht darum, etwas zu erreichen.
Spielen meint hier z.B. sich bewegen oder bewegt zu werden.
Das Gefühl der Freude ist uneingeschränkt, unmittelbar und bedingungslos.
Höher, weiter, schneller sind Themen des Sportplatzes.
Aus dem Spiel entsteht eine Idee, die sofort im Spiel erprobt wird – Gelingen bereitet Freude, Misserfolg ist bedeutungslos.

Situationen der unmittelbaren Konkurrenz gehören zum Alltag in der Familie, in der Schule oder eben auf dem Sportplatz.

Herr Schraml formuliert im Tagungs-Flyer: „Inklusive Spielräume sind gefragt, die inspirieren und bereichern, ein bisschen an den Nerven kitzeln und mehr sind als rollstuhlgerecht.“

Der Künstler, Pädagoge und Kritiker einer „menschenfeindlichen Architektur“ Hugo Kükelhaus ist der Überzeugung, dass der Mensch sich selbst zunehmend seiner grundlegenden sinnlichen Entwicklungs- und Erfahrungsmöglichkeiten beraube.
Schon 1967 präsentierte er das „Naturkundliche Spielwerk“, 1975 das „Erfahrungsfeld zur Entfaltung der Sinne“.

Bei ihm fand ich einen bemerkenswerten Text:

„Stellen wir uns vor, wir müssten einige Kilometer über eine schnurgerade, hindernisfreie Betonbahn fahren. Am Ende werden wir ermattet sein.
Wie anders wird es uns bei einer Wanderung durch den Wald ergehen!
Da sind verschlungene Pfade, Wurzeln, Moos und Rinnsale.
Du musst ganz Auge, ganz Ohr sein. Ganz Nase.
Am Ende des Weges sind wir erfrischt.
Was war geschehen?
Im Walde war ich mit Körper, Seele und allen Sinnen voll beansprucht! Überall kleine mit Hindernissen verbundene Wagnisse.
Auf der risikolosen Betonbahn forderte mich nichts heraus. Ich hatte nichts zu bestehen.
Ich war sozusagen überflüssig.
Leben bedarf der Hindernisse, damit unsere Fähigkeiten nicht unterschlagen werden.“

Ganz Auge, ganz Ohr, ganz Nase
Mit Körper, Seele und allen Sinnen
Eben „all inclusive“ – das könnte der Weg sein.

Die Forderung nach „Barrierefreiheit“ im Zusammenhang mit der inzwischen allgegenwärtigen Inklusions-Thematik – nicht nur in unseren Schulen und auf unseren Spielplätzen – widerspricht nur scheinbar dem Satz: „Leben bedarf der Hindernisse, damit unsere Fähigkeiten nicht unterschlagen werden.“

So wie Gleichheit ein Idealbild und in der Realität nicht einlösbar ist, wird auch die Forderung nach Barrierefreiheit weder durch Rampen (für motorisch eingeschränkte Menschen), akustische Signale (für blinde Menschen) oder in einfacher Sprache verfasste Texte (für kognitiv eingeschränkte Menschen) erreicht werden können.

„Leben bedarf der Hindernisse, damit unsere Fähigkeiten nicht unterschlagen werden.“

Der Kletterturm erfordert motorische Fertigkeiten. Vor dem Rutschen steht das Erklettern derselben. In einer Schaukel Platz zu nehmen oder auf einer Balancierscheibe einen festen Stand zu finden, erfordert natürlich zunächst entsprechende Fähigkeiten.

Einen weiterführenden Gedanken halte ich für bedeutsam:

Wenn die Angebote eines Spielplatzes als im gemeinsamen Spielen zu überwindende Hindernisse begriffen werden, dann sind nicht mehr nur motorische Fähigkeiten gefragt.

Es geht vielmehr auch um die bei jedem Kind vorhandenen Fähigkeiten der Kommunikation, Kooperation und Solidarität.

Ich kann mich nicht selbst bewegen – bewegst du mich?
Du kannst es nicht sehen – ich beschreibe es dir!
Ich traue mich nicht allein – nimmst du mich mit?
Du hast eine Spielidee – ich möchte gerne mitspielen.
Ich versuche es so – magst du mitmachen?

Da werden Barrieren für alle Kinder erfahrbar und zugleich im gemeinsamen Spielen überwindbar.

„Ich war sozusagen überflüssig.“

In auf einem Spielplatz entstehender Kommunikation, Kooperation und Solidarität wird aus „Ich“ und „Du“ ein „Wir“.

Inklusion zu verwirklichen, hat nicht nur mit der Aufgabe zu tun, reale Barrieren zu beseitigen.

Das sind dann Forderungen an den Gesetzgeber, an Kommunen und Gemeinden, in deren Verantwortung deren Beseitigung liegt, und auch Erwartungen an Sie, entsprechende Spielangebote zu planen und zu realisieren.

Anders reale Barrieren sind die in unseren Köpfen, in unseren gewohnten Vorstellungen:
Ein Kind mit körperlich-motorischer Behinderung, vielleicht zusätzlich blind, taub und nichtsprechend passt nicht in unser Vorstellungsvermögen von einem Kind, das sich spielend aus seinen Erfahrungsmöglichkeiten selbst weiter entwickelt.

Warum denn nicht?

Die durch eine Behinderung eingeschränkten Fähigkeiten werden zum Prüfstand für Ihre Phantasie und Kreativität, vor allem aber für Ihre Empathie:
Kinder wollen, sollen und müssen spielen.

Ein letzter Gedanke:
Ich jedenfalls und vermutlich nicht wenige unter den heute Anwesenden waren in ihrer Kindheit nicht angewiesen auf öffentliche Spielplätze.

Wenn wir uns erinnern, was damals als Spielplatz erstellt wurde, war es meist lieb- und einfallslos, wenig oder gar nicht genutzt.

Warum sollten wir solche Orte auch nutzen?

Wir erlebten unsere Kindheit oft noch in einer Umgebung, die eine natürliche war.

Wiesen, Bäume, natürliche Wassergräben, Wälder, in unmittelbarer Nähe frei zugängliche Naturlandschaft, die unseren kindlichen Spielwünschen kaum Grenzen setzte.
Das ist leider Vergangenheit – zumal in Städten und dort in einer immer mehr zu-betonierten Lebenswelt.

Hugo Kükelhaus nannte es eine „schnurgerade, hindernisfreie Betonbahn“.

Ein guter Ort für kindliches Spielen muss deshalb mit der Ermöglichung sinnlicher Erfahrungen auch soviel Naturerleben einplanen, wie es eben realisierbar ist.

Das gilt ganz im Sinne der Inklusion für alle Kinder.

Ich wünsche Ihrer Tagung einen guten Verlauf und bestmögliche Ergebnisse!

ID = 7891

3. Fachtagung in Kooperation mit:

Öcocolor
fll
BSFH
ID = 7311

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